Bo Juyi: Das Lied von der Pipa „Pipaxing“ (um 816)

Warum ein Instrument aus der Fremde zum Instrument des Heimwehs schlechthin wird: Von der Macht der Kanonisierung

Die Pipa, eine gezupfte Schalenhalslaute, wird heute als ein typisch chinesisches Instrument dargestellt und interpretiert. Typisch chinesisch ist dabei auch ihre nicht-chinesische Herkunft. Denn man kann die Pipa erst seit etwa dem 2. Jahrhundert vor Christus in chinesischen Landen antreffen. Sie ist damit ein Spätankömmling in der Geschichte dieser Musiktradition, denn es gibt auch Instrumente, die sich in schriftlichen Quellen und als archäologische Funde bis mehrere Jahrtausende vor Christus zurückverfolgen lassen. Der onomatopoetische Name – „pi“ steht für das nach außen Hin-, „pa“ für das nach innen Her-Zupfen – verweist auf die transkulturellen Hintergründe des Instrumentes: Eine Laute aus Zentralasien wurde Barbat genannt, abzuleiten aus dem klassischen Persisch von barbhud (barbhu: „stark gezupft“), das in der phonetischen Umschreibung mit dem „pa“ in Pipa zusammenhängt. 

Ein „barbarisches“ Instrument der Heimat-Sehnsucht

Als Instrument aus der Fremde – während der Tang Zeit (7. - 10. Jahrhundert) ist die Pipa als Huqin, also „barbarisches (Hu) Instrument (Qin)“, bekannt – wird sie mit Sehnsuchtsgefühlen nach der Heimat verbunden, nach den Freunden, der Familie, dem Geliebten, die man aus unterschiedlichsten Gründen verlassen musste. Beispielhaft für dieses Verständnis ist die Geschichte zweier schöner Frauen, die die Pipa gespielt haben sollen, Liu Xijun, die im 1. Jahrhundert vor Christus in der Mongolei mit einem turkstämmigen Mann verheiratet wurde und, eine Generation später, Wang Zhaojun, die als Diplomatiebraut den Hunnen überlassen wird. Ab der Tang-Zeit wird Wang gewöhnlich auf einem Pferd zu den Hunnen reitend, verträumt und voller Heimweh die Pipa spielend dargestellt.

Warum wird nun die Pipa und die Pipa-spielenden Frauen, über die Jahrhunderte und bis in die Gegenwart immer wieder evoziert – in Karikaturen, im Sprechtheater etwa von Guo Moruo (1892–1978) und Cao Yu (1910–1996), in Spielfilmen, in der Popmusik, im Tanz und in lokalen Opernformen? Warum inspirieren sie Tagträume voll sehnsüchtigen und kritischen Verlangens nach Heimat und Zugehörigkeit? Warum stehen sie ein für die entwurzelten Männer, die, fern der Heimat, ihnen in Kunstwerken und Gedichten ein Gesicht und eine Stimme gaben? Warum inspirieren die Klänge der Pipa, die sich wie „Kaskaden von Perlen“ aneinanderreihen, gar das Design des patriotisch auf Chinas wirtschaftlichen Aufschwung verweisenden, 1994 gebauten „Oriental Pearl Tower“ in Shanghai?

Dass die Pipa zum charakteristischen Sehnsuchtssymbol wird, hat vor allem mit einem Gedicht von Bo Juyi (772–846) zu tun: Sein Pipa-xing, das Lied von der Pipa ist der Schlüsseltext dieser Erfolgsgeschichte. Das chinesische Zeichen xing 行 ist dabei selbst bewusst vieldeutig: Es steht einerseits für eine alte Form der narrativen, musikalisch begleiteten Poesie (eine Art „Lied“). Es hat aber auch noch ganz andere Bedeutungsebenen, darunter das Spaziergehen, Herumwandern, aber auch das Verhalten, den Habitus oder die Performanz einer Person. All diese möglichen Lesungen zeigen, dass der romantisch-poetischen Mondscheinbegegnung, die im Gedicht geschildert wird, tiefere Bedeutung innewohnt.

Schicksalsbegegnung fern der Heimat 

Das 88 Verse lange Gedicht hat eine zufällige Begegnung des Dichters mit einer alternden Pipa-Spielerin auf einem Boot in einer Herbstnacht im Jahre 816 zum Inhalt. Es spielt, so das Vorwort, kurz nachdem Bo selbst — wegen allzu heftiger Kritik an seinem Herrscher — von seiner Position als kaiserlicher Beamter degradiert und aus der Hauptstadt in die Provinz (nach Jiangxi), in die Neun-Flüsse-Stadt Jiujiang verbannt worden war. Einst eine große Schönheit und gefeierte Künstlerin, war die Pipa-Spielerin, auf die der Dichter trifft, nach einigen Schicksalsschlägen schließlich die Frau eines reisenden Händlers (letztere haben in dieser Gesellschaft den niedrigsten sozialen Status, weil sie den „schnöden Mammon“ hochhalten) geworden, der sie, kurz vor der Begegnung mit Bo, wieder einmal alleine zurücklässt. Bo andererseits, der seit seiner Abreise aus der Hauptstadt im Exil bisher kein Heimweh empfunden hat, findet sich nun durch ihr Spiel in Tränen aufgelöst und entschließt sich, der Seelenverwandten sein Gedicht zu widmen.

Das Gedicht beginnt damit, dass der Dichter, mit Freunden am Wasser wandelnd, die Klänge einer Pipa hört: Es sind Klänge, die, so schreibt Bo im Vorwort, eindeutig aus der Hauptstadt, also der „Heimat“ stammen. Fasziniert hält der Dichter inne und versucht herauszufinden, woher sie kommen und wer da wohl spiele. Ausführlich wird sein musikalisches Erleben geschildert, er hört die tiefen Saiten wie klatschenden Regen, die höheren klingen ihm wie leises Murmeln, die Töne reihen sich aneinander wie „Kaskaden von Perlen.“ Er hört Vogelstimmen und Naturgeräusche, aber auch das harte Gegeneinanderschlagen feindlicher Schwerter. Als die Musik ihr Ende findet, erzählt die Musikerin ihr Los. Der Dichter erkennt eine Schicksalsgemeinschaft: Beide sind sie geschmäht und aus der Heimat verbannt worden, in eine Stadt verbannt, die so abgelegen ist, dass nicht einmal „echte“ Musik mehr zu ihr dringt. Ihm wird bewusst, dass er solche Musik, gespielt auf Instrumenten wie der Pipa (mit ihren Seiden-Saiten oder auf Bambus-Querflöten) seit den ersten Tagen seines Exils nicht mehr gehört hat. 

Er beklagt seine Einsamkeit, die er mit nichts außer Vogelschreien und dem Herbstmond teilt, beklagt, wie oft er seinen Wein schon alleine trinken musste, beklagt, dass er nur grobe Berglieder und schrille Dorfpfeifen zu hören bekomme und erklärt, andererseits, sein Entzücken über die unsterblich-entrückenden (zivilisierten, hauptstädtischen und also heimatlichen) Klänge der Pipa (deren Spiel auf Seiden-Saiten) er an diesem Abend vernommen hat. Bewegt von seiner Rede nimmt die Pipa-Spielerin, nach einem Moment der (in die Heimat) entrückenden Stille, ihr Spiel wieder auf—so traurig und trostlos, dass alle Anwesenden in Heimweh und Trauer versinken. 

 

Heidelberg, im März 2025
Barbara Mittler, TP B01

 

Rezitation des Pipaxing zu Orchesterklängen

Im Text verwendete Quellen:

Helene Dunn Bodman: Chinese musical iconography: a history of musical instruments depicted in Chinese art, Ann Arbor 1987
Barbara Mittler: Die PIPA, in: The Scholar’s Choice: Lieblingsstücke Heidelberger Wissenschaftler, Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Axel Michaels und Margareta Pavaloi, Heidelberg: HeiUP 2019, S. 97–107
John E. Myers The Way of the Pipa. Structure and Imagery in Chinese Lute Music, Kent: The Kent State University Press 1992